Theodor Onkel

Ja ... , also, was soll ich sagen: Der Theodor Onkel war ein eigenwilliger Mensch. Es ist gar nicht so einfach, eine Person mit einem einzigen Wort treffend zu beschreiben, aber hier ist es sozusagen ausnahmsweise möglich. Unter dem Adjektiv eigenwillig fallen Eigenschaften wie wohlbeleibt; linkisch; schwerfällig-langsamer Watschel-Gang; nicht bucklig, doch gebogen wie die Peitsche einer Straßenlampe; glatzig über den ganzen Kopf, anlässlich jeden Wutanfalls rötlich eingefärbt, seine markante Nase dagegen nicht rötlich, sondern in Rot eingetaucht und wirkte sommers so auch winters wie ein nach vorn gedrehtes Rücklicht seines Autos; ein Hals war beim ihm nicht feststellbar, hielt sich wohl je zur Hälfte in Kopf und Körper versteckt. Außer Hauses krönte er seine Glatze mit breitkrempigem Hut und seinen Korpus mit einem ausgeblichenem Regenmantel. Moment, habe ich noch etwas vergessen?, ja, habe ich: Er liebte es, sich auf Kosten anderer zu amüsieren, indem er sie foppte. Und war ein ausgesprochener Griesgram, undurchschaubar, irgendwie auch unberechenbar und geizig wie ein Geizkragen: kleinlich wie ein Korinthenkacker, knauserig wie ein Erbsenzähler, kniepig wie ein Pfennigfuchser. Geiz wohl seine ausgeprägteste Eigenschaft. Selbst sein vergilbter Regenmantel war unter der Last seiner Jahre geizig geworden. Kinder fand der klobige Onkel mehr als lästig, zumindest uns sieben. Ob er das alles auch war, was ich da so vor mich hingeschrieben habe, weiß ich nicht zuverlässig zu sagen, doch so wirkte er auf uns, und das ist wahr und ungelogen.

Die ungewohnte und ungewöhnliche Umreihung von Verwandtschaftsgrad und Vorname, Onkel Theodor zu Theodor Onkel durch uns Kinder verdankte er seiner Schwerfälligkeit, der wir damit nachhaltig Ausdruck verliehen. Theodor Onkel war der Bruder unserer Großmutter und damit der Onkel unserer Mutter. Wer sich in Genealogie auskennt, versteht aus diesem verwandtschaftlichen Zusammenhang leicht abzuleiten, der Theodor Onkel konnte nicht unser Onkel sein, wurde von uns nur so genannt, der sogenannte Onkel war unser Großonkel. Zur Zeit, über die ich mich anschicke zu berichten, dürfte er in der zweiten Hälfte seiner siebten Lebensdekade gestanden haben.
Dass wir diesen eigenwilligen Menschen nicht merkwürdig, vielmehr im wirklichen Sinne des Wortes komisch fanden, kann wohl jedermann nachfühlen. Um unsere Achtung vor ihm auf ein etwas höheres Niveau zu heben, wurde uns in getragenen Worten bedeutet, dass besagter, nun betagter Onkel einst Direktor von Siemens war, einem damals schon bedeutenden Unternehmen. Die Information verfehlte ihre Wirkung, wir nahmen solche Würden gelassen; was ist schon ein Direktor, der nicht allein merkwürdig, zugleich auch komisch ist. Komisch zum Auslachen.

Da gab es noch etwas, das mir sehr erwähnenswert erscheint. Der Theodor Onkel war mit einer siebzehn Jahre jüngeren Tante unserer Mutter verheiratet, das heißt, sie wurde erst durch ihre Heirat zur mütterlichen Tante gemacht. Jedoch, so fanden wir, als Tante unserer Mutter taugte sie recht wenig, da sie nur recht wenig älter war als ihre Nichte. Das schmälerte unseren Respekt vor ihr, und es half überhaupt nichts, wenn uns unsere Eltern mit gehobenem Zeigefinger belehrten, die Tante sei die Tochter des Oberbürgermeisters einer bedeutsamen niederrheinischen Stadt. Sie hatte eine unangenehme, weil hohe, Stimme, die man nur als krakisch bezeichnen konnte, sie sprach scharfen und hohen Tones, wie es nach unserer Vorstellung Kraken untereinander zu tun pflegen. Wir hielten sie für eine scharfzüngige Krake. Mit unserer Einschätzung standen wir nicht allein. Ja, nicht zu vergessen, sie war geizig. Ihr Geiz übertraf den des Onkels um ein Mehrfaches; böse Zungen redeten, er sei von ihr angesteckt. Ihre faltenreiche Physiognomie strahlt förmlich vor Geiz, ihr krauses Haar stand ungepflegt in gekräuselten Strahlen rund um das finster dreinblickende Geizgesicht herum. Unser Spruch dazu war treffend: „Krause Haare, krauser Sinn!“ Nur unter vorgehaltener Hand führten wir die Spruchweisheit weiter: „Steckt der Teufel mitten drin!“. Meine ältere Schwester, während ihres Studiums, Großonkel lebte da schon nicht mehr, bei Großtante in einem kleinen Zimmer einquartiert, weiß zu erzählen, dass etwelches Zusatzfutter – ihr zur Unterstützung ihrer geistigen Kräfte, zwecks noch erfolgreicheren Studiums, von unserer Mutter von Zeit zu Zeit mitgegeben – von der resoluten Tante sofort nach Ankunft ihr abgefordert wurde und regelrecht in deren Magen verschwand. Ob Onkelchen darob im kühlen Grab gelacht und die Hände gerieben oder geweint und die Tränen abgewischt hat, blieb sein Geheimnis.
 
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