Freundschaft, die ich meine

Fürwahr, ich hatte zwei beste Freunde, Detlef, er zählte meine Jahre, und Otto, er zählte acht Jahre mehr. Sie kannten einander nicht, sie wussten nicht einmal voneinander. Gemeinsam war ihnen, dass ich sie meine besten Freunde nannte und umgekehrt, da bin ich mir ganz sicher, ich war selbiges auch für sie. Uns war klar, was dies bedeutete: Wenn ich in arge Not geriete, würden sie mir mit allem, was sie hatten – ich meine nicht etwa nur das Materielle, ich meine auch das, was nur durch menschliche Zuwendung erbracht werden kann – , beistehen. Und sie wussten, dass ich unsere Verbundenheit ebenso verstehen würde. Beide haben mir diese Art von Freundschaft erwiesen, zu der Zeit, als ich vor 25 Jahren das erste Mal schwer erkrankt bin. Mir hat das Schicksal die Gelegenheit, ihnen Gleiches zu tun, nie geboten. Beide starben sehr früh, ich darf weitermachen, konnte sie zu ihrem Ende hin nur mit Worten durch‘s Telefon zu trösten versuchen. Über Detlef habe ich an anderer Stelle geschrieben. Hier will ich zwei Passagen aus Ottos Leben schildern. Die erste hat er mir erzählt, so ist sie authentisch und verbürgt. Die zweite habe ich mit ihm erlebt.

Otto stammte aus sehr wohlhabendem Hause, seine Eltern besaßen in einer großen norddeutschen Stadt zahlreiche Immobilien, vor allem Häuser, darunter auch stattliche Büro- und Verwaltungsgebäude. Einige von ihnen stehen heute unter Denkmalschutz. Ottos Vorfahren waren einst sehr wahrscheinlich aus Griechenland nach Deutschland eingewandert. Sein Vater hatte zusammen mit einem berühmten Verleger an Stelle des ehemaligen Heine Hauses an der vornehmsten Straße der Stadt, direkt gegenüber dem zum See ausgeweiteten Fluss, ihr Bürogebäude errichtet. Ottos Elternhaus lag im schönsten und vornehmsten Teil der Stadt, im Eppendorfer Villenviertel.

Doch dann kam die Zeit, wo man im ganzen Land zu ihnen auf Abstand ging, wo man sie immer deutlicher fühlen ließ, dass man sie nicht mehr mochte, wo man ihnen schließlich bedeutete, es sei besser zu verschwinden. Ottos Eltern waren in beiden Linien seit Generationen jüdischer Abstammung. Seine Mutter, erste Professorin für Mathematik in Deutschland, verlor bald ihre Stelle. Die Situation wurde für die Familie: die Eltern, Otto und seine Schwester, immer untragbarer, schließlich war sogar ihr Leben bedroht. Sie fassten schweren Herzens den Entschluss, Deutschland zu verlassen und zunächst nach England zu emigrieren. So meldeten sie denn ihre Absicht bei der zuständigen Behörde, es war die Jahresmitte 1938, als die Ausreise offiziell noch zugelassen war. Ein Tag im August wurde festgelegt, an welchem ein Mitglied der für dieses Stadtgebiet verantwortlichen SS-Organisation bestimmt und abkommandiert wurde, das Packen im Wohnhaus zu überwachen. War es ein schlechtes Omen?

Der vereinbarte Tag kam, der SS-Mann in schwarzer Uniform und schwarzen Stiefeln mit genagelten Sohlen und stählernen Kappen auch. Es war für die Familie ein bedrückender, trauriger Tag, der in ihnen für den Rest ihres Lebens bei jedem Erinnern die quälende Angst wieder aufwecken würde. Der SS-Untersturmführer, der er wohl war, wählte das großräumige Esszimmer der vornehm eingerichteten Villa als sein vorübergehendes Büro, machte den großen Esstisch zu seinem Schreibtisch, packte einen Stapel von listenartigen Blättern aus der schwarzen Ledertasche aus, nahm Platz, begann die Listen säuberlich nach einer gewissen Weise zu ordnen, machte erste Eintragungen darauf, stand wieder auf und gab eine Erklärung ab, sozusagen im Namen des Deutschen Volkes, das zu diesem Vorgehen zwar nie befragt worden war: „Sie dürfen keinerlei Wertsachen mitnehmen, damit sind alle Sachen gemeint, die wertvoll sind. Wertsachen haben Sie dort drüben hinzulegen, das, was Sie mitnehmen dürfen, dahin. Wenn Sie gegen diese Anweisung verstoßen, bleibt alles hier, die Sachen werden dann später versteigert. Haben Sie das verstanden?“ Er wartete die Antwort nicht ab, weil er sie nicht erwartete. Im Kommandoton fügte er noch hinzu: „Gehen Sie jetzt!“

 
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