Freundschaft, die ich meine


Die Eltern begannen sofort, unter Mithilfe ihrer beiden Kinder, mit der mühseligen Arbeit. Dabei waren sie von Furcht und Angst geplagt. Würden sie sich irren und irgendetwas aus ihrem Besitz für nicht wertvoll halten, was aber später vom SS-Mann doch für wertvoll angesehen würde, dann könnten sie gar nichts mitnehmen. Er hatte sie also jederzeit in der Hand, er bestimmte über ihr Schicksal, ob sie wenigstens ein paar wenige Dinge, die in den nächsten Monaten, vielleicht in den kommenden Jahren für sie überlebenswichtig werden sollten, mit auf die Flucht nehmen durften.

Ottos Vater war gewohnt, mit puren Zahlen, hinter welchen große Vermögenswerte standen, zu arbeiten. Doch in den praktischen Dingen des Lebens wirkte er immer recht hilflos. Das war auch so, auch jetzt. Hier und da reichte ihm seine Frau ein Stück aus der umfangreichen Habe, dass er es rüber trage. Die Erniedrigung schmerzte. Er tat, was befohlen war, gewissenhaft, aber doch zugleich mit einer gewissen Unsicherheit, denn er schaute sich, bevor er die Sache wie ein Stück aus ihrem gemeinsamen Leben abgelegte, wie nach Bestätigung für die Richtigkeit seines Tuns suchend, nach seiner Frau um. Ottos Mutter dagegen verkörperte den ausgeprägten Sinn für Realität. Für sie bedeutete das hier alles nicht geordnete Emigration sondern nackte Flucht. Das Überleben ihrer Familie war bis in die physische Existenz bedroht. Hier und da hielt sie einen Gegenstand in Händen, den sie beim besten Willen nicht einzuteilen wusste: wert oder unwert? Gern hätte sie ihn zum Fluchtgepäck gegeben, andererseits wollte sie nicht unbedacht oder leichtfertig alle Habseligkeiten verlieren. Vorsichtig näherte sie sich dem großen Esstisch mit dem noch größeren SS-Untersturmführer. Der schaute sie so grimmig an, als hätte sie ihn in einer äußerst wichtigen Tätigkeit gestört. Sie blieb unsicher neben ihm stehen, hielt ihm den Gegenstand hin und verharrte in Schweigen. Der schwarz uniformierte Mann, tiefschwarz wie der leibhaftige Tod, ließ sie gnadenlos warten. Man möchte annehmen, um sie noch weiter zu erniedrigen. Sie blieb geduldig. Dann endlich schaute er kurz auf, gereizt: „Legen Sie das da zu den Wertsachen hin, da drüben, verstanden, kapiert?“ Und er zeigte auf den Gegenstand in ihrer Hand. Sie tat wie geheißen und verschwand lautlos wieder im Wohnzimmer, mit dem Sortieren und Packen fortzufahren.

Noch einige Male wiederholte sich das Hin und Her, das stumme, bange Fragen, dann die strenge, kurze Zurückweisung. Jedes Mal abgelehnt, zu wertvoll befunden. Irgendein Bewertungskriterium für das Bewerten des Wertvollen konnte Ottos Mutter nicht ableiten, vielmehr schien ihr: alles reine Willkür. Was immer sie durch Rückfragen zum Mitnehmen sichern wollte, die Mitnahme wurde verwehrt. Die Wert-/Unwert-Latte dieses schwarzen Funktionärs musste sehr tief liegen. Wahrscheinlich gehörte auch das zur Psychologie des Ausgrenzens. Der SS-Aufseher reagierte bei jeder weiteren Anfrage mit gesteigerter Gereiztheit.