Detlef mit f

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Ich erinnere mich an meinen Mitschüler und Freund Detlef Herrmann, von der Sexta (5. Klasse) bis Ende der Untersekunda (10. Klasse) teilten wir das Gynasium miteinander. Studienrat Zissenich, Biologie- und Geographielehrer wollte Detlev immer mit v schreiben, wie Detlev von Liliencron, Detlef machte ihn aufmerksam: „Nein mit f, Detlef mit f, Herr Studienrat.“ So blieb es dabei, Detlef mit f. Übrigens Herrmann mit zwei r, passt irgendwie zum f, so speziell, finden Sie nicht auch?

Er, mein Freund, war das, was Erwachsene über Kinder gern unter vorgehaltener Hand herumtuscheln: frühreif. Er konnte schon Autofahren, da ich noch nicht einmal das Steuerrad eines Autos berühren durfte. Vor allem wusste er auch, wo Mädchen anatomisch anders gebaut waren als Buben; die entsprechenden Witze waren ihm geläufig und wurden von den Klassenkameraden gern abgefragt, weswegen er in hohem Ansehen stand, und vor allem wusste er schon, wie man tun musste, wenn man’s tun wollte. Ich dagegen war nicht nur spätreif, sondern hoffnungslos spätreif. Wobei . . . , reif, das kommt mir heute noch unbescheiden vor, denn wer mag das schon von sich sagen können.

Das mit meinem ‘spätreif’ hatte Detlef mit f natürlich bald spitz, und, Respekt, Respekt, er respektierte es, so dass ich von allen gedanklichen Erörterungen anatomischer Mädchenunterschiede samt zugehörigen Witzen und Gebrauchsanweisungen immer rücksichtsvoll verschont blieb. Detlef mit f war eben schon damals ein anständiger Kerl, Gentleman würde man heute sagen, im wahrsten Sinne des Wortes, aber . . . , wie gesagt: frühreif.

Wir waren gute Freunde, telefonierten stundenlang, diskutierten nach dem Unterricht, über Gott und die Welt, über die Schule, über alles, was man besser machen konnte, und vor allem auch über die Politik der gerade begonnenen Bundesrepublik, die uns nach der Katastrophe, welche ihn die Heimat gekostet hatte und mir bis heute die nächtlichen Alpträume beschert, besonders angelegen war.

Von Detlef mit f konnte ich mir viel seiner sprachlichen Gewandtheit aneignen. Wir Kinder im Rheinland hatten überhaupt den Eindruck, dass die Kinder, welche aus den Gebieten jenseits von Elbe und Oder, die einstmals Karl der Große und der Alte Fritz für Deutschland gewonnen hatten, zu uns kamen, viel sprechschneller und sprechwendiger waren als wir.
Ich lernte durch meinen Freund seine verlorene schlesische Heimat lieben, vor allem aber, wie man Faltschachteln macht, denn darauf verstand er sich gut, weil er sich dauernd im Betrieb seines Vaters am Bretzelnweg herumtrieb und dort auch mitarbeitete, keineswegs für Taschengeld, nein einfach so wie andere Kinder Fußball spielten. Er spielte nicht Fußball. Ich übrigens auch nicht. Er liebte seine Eltern sehr, eine Liebe, in welcher zu seinem Vater auch höchster Respekt vor dessen unbeugsamen Wiederaufbauwillen mitschwang, in welcher zu seiner Mutter tiefe Verehrung das Grundgefühl ausmachte, und welche bis heute über deren beider Gräber hinaus ungeschwächt weiterlebt.

Zu dieser Zeit fuhr man mit dem Rad zur Schule, ein Rad fahren zu dürfen oder sogar ein solches sein Eigen zu nennen, war ein Statussymbol wie heute ein Porsche. Es gab mehrere Möglichkeiten für meinen Schulweg, immer fuhr ich mit meinem Rad, einem schweren Miele-Drahtesel etwa nach Art der Schweizer Armeefahrräder; meine Route von der Schule nach Hause ließ sich so variieren, dass etwa ein Drittel der Strecke mit jener von Detlef, natürlich mit f, zusammenfiel, wenn auch er sinnesgleich mit mir die entsprechende Routenwahl traf.

So um die Zeit, als wir die Obertertia besuchten, hatte Detlef mit f einen feinseidigen Faden zu Gerlinde gesponnen, Schülerin am von Ursulinen-Schwestern unterhaltenen Mädchengymnasium, das wir wegen der dort herrschenden strengen Sitten und in Verbindung mit unserer Erinnerung an das Kriegsgeschehen ‘Nonnenbunker’ nannten oder noch verächtlicher ‘Heiliger Löffel’, weil zum Unterricht auch das Kochen gehörte, es gab dort sogar ein Kochabitur als Pflichtfach. Gerlinde, ebenso wie mein Freund mit ihrer Familie aus den deutschen Ostgebieten vertrieben, war in meinen Augen ein schönes Mädchen, das konnte für mich – jedenfalls damals – nur heißen: sie hatte ein sehr schönes Gesicht, der Rest, ich meine von ihr, interessierte mich nicht, weil ich davon nichts wusste und daher nichts davon verstand. Für das, was man nicht kennt, entwickelt man keine Kriterien. Weil ich solcher Weise durch das Schicksal meiner Unwissenheit auf Gesichter spezialisiert wurde, habe ich im Gesichterlesen viel Geschicklichkeit erworben – das jedenfalls hat mir die Erfahrung meines Lebens bestätigt, eine Fähigkeit, die mir immer sehr hilfreich war. Gerlindes Gesicht strahlte Harmonie aus, und vor allem Wohlwollen und Güte.

Längere Zeit begleitete ich Detlef mit f auf dem gemeinsamen Stück unseres Schulweges, wenn dieser Weg mal gerade wieder für längere Zeit auf meinem Programm stand, manchmal holten wir zusammen Gerlinde nach der Schule am Nonnenbunker ab. Obschon mir technisch gesehen dann die Rolle des fünften Rades am Wagen zufiel, war ich es in Wirklichkeit nicht: Mit ihnen zusammen, gehörte ich einfach zu ihnen. Irgendwie bekam ich von der Zartheit des Fadens, der sich da anzuspinnen begonnen hatte, etwas mit, ohne zu verstehen, was ich mitbekam; ich fühlte mich mit ihnen wohl: Detlef mit f war mein Freund, Gerlinde, wie soll ich es nach all den Jahren beschreiben, ich empfand sie damals in meinem kindlichen Gemüt voller Sehnsucht nach harmonievoller Geborgenheit in der noch so sehr zerstörten Welt . . . als einen wärmenden Sonnenstrahl, und heute . . . , immer noch so. Detlef und Gelinde sind seit diesen Tagen zusammen geblieben, und immer noch gehen sie so liebevoll mit einander um, wie ich es damals beobachten konnte.

Diesmal gingen wir, wie wir es manchmal taten, zu Fuß, ich erinnere mich, ohne Gerlinde, wir führten unsere Fahrräder an der Hand, wie einen Hund an der Leine, das bot uns mehr Zeit zum Gedankenaustausch. Wir gingen die Veldener Straße entlang, hatten die Dürener Metallwerke und den Veldener Hof, einen gediegenen alten Bauernhof, einer der wenigen noch in der Stadt übrig gebliebenen, bereits passiert, überquerten die Malteser Straße, ein Autofahrer fühlte sich von uns behindert, ich glaube nicht, dass wir es wirklich taten, sondern seine Ungeduld brachte ihn zu seiner Meinung, er riss förmlich die Fensterscheibe der Fahrertüre runter, das ungelenke Kurbeln brachte ihn noch mehr in Rage, und er schrie den Detlef, Detlef mit f, an: „Arschloch!“, nein, auf Rheinisch: „Aaschlooch!“ Mein Freund entgegnete, seinen Oberkörper ganz leicht nach vorn neigend, ohne Zögern und mit einer gewissen Galanz in Stimme und Haltung: „Sehr erfreut, gestatten, dass auch ich mich vorstelle: „Detlef, mit f!“

Ich war sprachlos, nicht etwa ob dessen, was er sagte, sondern wie er es sagte, sprachlos vor Hochachtung über seine schlagfertige Reaktion. Übrigens meinte ich sein Fahrrad ungezügelt kichern hören. Wir widmeten dem ganzen Vorfall keine weitere Aufmerksamkeit, ich bin sicher, Detlef mit f wird sich überhaupt nicht mehr daran erinnern; doch ich behielt, wie sich dem Leser/Zuhörer leicht erschließt, das kleine Geschehnis immer unterschwellig in mir, viel später hatte ich verstanden: Detlef, Detlef mit f, der mir schon immer voraus war, hatte den Anderen in brillanter Weise als Arschloch entlarvt. Vermutlich konnte der Andere das nicht kapieren, aber das tat der Schlagfertigkeit meines Freundes und meiner Bewunderung dafür keinen Abbruch.

Detlef mit f war frühreif.