Notizen eines Dorforganisten

Ich erinnere mich gut, die Liedbegleitungen von Pi waren sehr einfach aufgebaut: Tonika, Unterdominante, Oberdominante und der Septimenakkord, das war damals im wesentlichen sein Repertoir. Wenn es gefühlvoll sein sollte, ganz besonders an Weihnachten, dann musste der Septimenakkord Überstunden machen. Eine wunderschöne Musik, so einfühlsam, wohlwollend, einstimmend, feierlich, das ist meine Kindheitserinnerung an Kirchenmusik. Der Kirchenchor untermalte vor allem zu den Festtagen die feierliche Stimmung mit starker Stimme, wie ich damals fand, in großartiger Weise. Und ich meine das nicht ironisch, denn ich glaube, es war für einen solchen Dorfchor wirklich eine treffliche Leistung.


Natürlich könnte es gewesen sein – ich kann mich zwar nicht wirklich daran erinnern –, dass eine Krähe das Bibelwort von der verlässlichen Fürsorge des Vaters im Himmel für alle Vögel gar sehr wörtlich aufgefasst, im Kirchenraum Wohnsitz genommen hatte und immer ausgerechnet dann mit Krächzen einsetzte, wenn sich die Soprane dem hohen C entgegen bewegten. Auch könnte es gewesen sein, dass man hier und da von der einen oder anderen Stimme am Ende der hohen Leiter der Töne ein Blubb vernommen hat, doch auch solcherart Vorkommnisse wären mir kein Grund, damals nicht und heute erst recht nicht, dem Engagement aller Mitwirkenden, ob jung – ob alt, je jünger – um so mehr, gebührende Würdigung zu widmen. Ob nun die Krähe gemäß göttlichem Plan und Wille Wohnsitz im Hause Gottes genommen hatte oder nur Kraft ihr innewohnender Eigengesetzlichkeit, das hat sich mir nie erklärt. Ich weiß nicht einmal, ob Gott solcher Willensäußerung fähig ist, oder sich in die Niedrigkeiten juristischer Feinheiten von Wohnrecht und Hausfriedensbruch überhaupt herablassen will oder solches zu wollen fähig ist.
Ich liebe die Improvisation, nach Noten spielen kann ich nicht, mein linkes Auge hilft mir nicht beim Lesen, es tut nichts mehr Rechtes, mein rechtes ist als Einzelgänger ständig überlastet. So ist nicht mein Auge, mein mir verbliebenes, nur mein Ohr mein Ratgeber in der Auswahl jeder einzelnen Note. Auf meinem Blatt gibt es nur die Melodienführung, in dicken schwarzen Punkten, rauf und runter, und dazu große und kleine Buchstaben, geheime Zeichen, die mich leiten, jeden anderen verwirren. Die vielen übrigen Noten zu meinem Liedbegleitspiel stehen nirgendwo, nur in den Zeichen, drei mache ich dazu, manchmal zwei, ob vierstimmiger oder dreistimmiger Satz. Orgelspielen hab' ich nie gelernt. Orgelspielen hab' ich nie gelernt,“ denkt er seinen letzten Gedanken leise nach. „Ich bin ein Organist, aber ich bin kein Organist; verstehen Sie den Unterschied?“ Die so nüchternen Kirchenwände wollen ihm eine Antwort nicht geben.